S. Matala: A History of Cold War Industrialisation

Cover
Titel
A History of Cold War Industrialisation. Finnish Shipbuilding between East and West


Autor(en)
Matala, Saara
Reihe
Perspectives in Economic and Social History
Erschienen
Abingdon 2021: Routledge
Anzahl Seiten
233 S., 46 SW-Abb.
Preis
£ 120.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Max Trecker, Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa, Leipzig

Am 4. April 2023 ist Finnland offiziell der NATO beigetreten. Der Beitritt zur NATO markiert den Endpunkt eines langen politischen Prozesses der Westorientierung und Aushandlungsprozesses der finnischen Gesellschaft, der stets die geopolitische Situation des Landes berücksichtigen musste. Von 1809 bis 1917 Teil des Zarenreiches, wäre Finnland 1939 und 1944 beinahe Teil der Sowjetunion geworden. Der Angriffskrieg der Russländischen Föderation gegen die Ukraine 2022 gab den Ausschlag, das Land – seit 1995 EU-Mitglied – institutionell vollständig im „Westen“ zu verankern und so vor der Aggression des großen Nachbarn im Osten zu schützen. Direkt nach Ende des Zweiten Weltkrieges hatte eine solche Wahlmöglichkeit nicht bestanden. Finnland musste sich den Vorstellungen der sowjetischen Führer beugen, die dem Land offiziell die Unabhängigkeit zugestanden, sich jedoch großen Einfluss auf Außen- und Innenpolitik sicherten. Finnland galt im Kalten Krieg offiziell als neutrales Land, musste seinen politischen Handlungsspielraum jedoch vorsichtig austesten und zu erweitern versuchen, ohne den großen Nachbarn zu verärgern.

Dieses oft auch als „Finnlandisierung“ bezeichnete Modell1 hatte nicht nur große Auswirkungen auf die politische Landschaft in Finnland zur Zeit des Kalten Krieges, sondern auch auf die Wirtschaft. Finnland war 1945 noch weitestgehend Agrarland und sah sich mit hohen sowjetischen Reparationsforderungen konfrontiert. Führende Vertreter aus Politik und Wirtschaft in Finnland versuchten, hierin nicht nur eine Last, sondern auch eine Chance zu sehen und die – erzwungenermaßen – engen ökonomischen Beziehungen zur Sowjetunion zur Industrialisierung des Landes zu nutzen. Zur Schlüsselbranche dieses Unterfangens avancierte die Schiffbauindustrie, die im Zentrum der Studie von Saara Matala steht. Verfügte Finnland 1945 noch über eine Werftenindustrie, die im internationalen Maßstab irrelevant war, hatte sich diese Situation in den 1980er-Jahren grundlegend gewandelt: Finnlands Werften stellten Hochtechnologieprodukte wie atombetriebene Eisbrecher für die Sowjetunion her und hatten sich neben dem sowjetischen auch westliche Märkte erarbeitet, wie den Markt für Kreuzfahrtschiffe in den USA. Die anfangs erzwungene Kooperation mit der Sowjetunion hatte somit eine leistungsfähige und international konkurrenzfähige Industrie geschaffen. Im Gegensatz zur Werftindustrie in Westeuropa und Nordamerika wuchsen die finnischen Schiffbaubetriebe in der Krisendekade der 1970er-Jahre sogar.

Es handelt sich somit um einen hochspannenden Forschungsgegenstand, dem sich die Autorin in ihrer Dissertation widmet. Die grundlegende These des Buches lautet, dass die Expansion der finnischen Schiffbauindustrie kausal in direktem Zusammenhang steht mit der besonderen politischen Situation Finnlands im Kalten Krieg. Hierfür spricht laut der Autorin nicht nur die quantitative Korrelation – die Industrie erlebte in den 1970er-Jahren ihren Höhepunkt, während ihr Niedergang Ende der 1980er-Jahre einsetzte –, sondern auch qualitative Argumente: Fragen der ökonomischen Entwicklung in Finnland seien in der Zeit des Kalten Krieges stets auch Fragen der nationalen Sicherheit und damit der Außenpolitik gewesen. Die verstärkte Nachfrage nach finnischen Schiffen hatte von Seiten der Sowjets mit dem Koreakrieg (1950–1953) begonnen, der die Möglichkeiten der Sowjets zum Einkauf westlicher Hochtechnologien stark einschränkte; Finnland stellte hier eine Möglichkeit dar, diese Beschränkungen im zivilen maritimen Bereich teilweise zu umgehen. Finnische Akteure nutzten die Chance, die sich ihnen bot, um ein leistungsfähiges maritimes Wirtschaftsnetzwerk zu entwickeln. Für Finnland habe es sich hier – so die Autorin – auch um Fragen des nationalen Prestiges gehandelt. Was für die Sowjets Sputnik und für die Amerikaner die Landung auf dem Mond gewesen sei, sei für die finnische Gesellschaft zugespitzt formuliert die Taufe eines neuen Eisbrechers oder Kreuzfahrtschiffes gewesen.

Methodisch bedient sich die Autorin bei ihrer Arbeit primär bei der Business History und den Science and Technology Studies. Dieser Ansatz passt zu ihren Forschungsabsichten, da sie sich primär mit den Beziehungen zwischen Unternehmensspitzen der Werftbetriebe und Politik beschäftigt. Die finnische Schiffbauindustrie befand sich zur Zeit des Kalten Krieges teilweise in privatem und teilweise in staatlichem Besitz. Für den unternehmerischen Erfolg der Industrie war somit das erfolgreiche Zusammenspiel verschiedenster Akteure entscheidend. Private Unternehmer, staatliche eingesetzte Manager, gewählte Spitzenpolitiker und verbeamtete Technokraten im Außen- sowie im Handelsministerium mussten an einem Strang ziehen, sollte die finnische Werftindustrie im Ausland erfolgreich sein. Erfolgreiche Verhandlungen mit sowjetischen Wirtschaftsfunktionären erforderten hierbei ein anderes Auftreten als Verhandlungen mit westlichen Endkunden. Aufgrund der imminent politischen und ökonomischen Bedeutung von Hochtechnologie erweist sich der Rückgriff auf die Methoden der Science and Technology Studies zur Untersuchung des Forschungsgegenstandes als sinnvoll. Matala versteht das Buch aufgrund des von ihr gewählten Ansatzes explizit nicht als Beitrag zur Labor History. Zudem hat die Autorin für ihre Studie auf finnische und US-amerikanische Archivquellen und Publikationen zurückgegriffen. Somit fehlt sowjetisches Quellenmaterial.

Das Buch besteht aus insgesamt acht Kapiteln. Anstatt streng chronologisch vorzugehen, behandelt jedes Kapitel (mit Ausnahme von Kapitel 2) einen spezifischen Aspekt der finnischen Schiffbauindustrie im Kalten Krieg. Kapitel 1 und 8 bilden Einleitung und Schluss, während Kapitel 2 die Entstehung der finnischen Werftindustrie vor 1952 erklärt. Somit liegt der Schwerpunkt der empirischen Arbeit auf den Kapiteln 3 bis 7. Jedes der fünf empirisch gearbeiteten Kapitel endet mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, und jedes Mal sind die finnischen Protagonisten überrascht von dem raschen Kollaps ihres übermächtig scheinenden großen Nachbarn. Da die einzelnen Kapitel jedoch einen anderen inhaltlichen Schwerpunkt aufweisen, entstehen hierdurch nur wenige Redundanzen.

Das erste empirisch gearbeitete Kapitel 3 behandelt die Verbindung von Schiffen als Hochtechnologieprodukte und finnischer Außenpolitik und fragt danach, wie Schiffbauprojekte von der finnischen Politik verwendet wurden, um die diplomatischen Beziehungen sowohl mit den USA als auch mit der Sowjetunion auszubalancieren. Kapitel 4 beschäftigt sich mit der Abwicklung des Handels zwischen Finnland und der Sowjetunion. Der Handel wurde bilateral über Clearingkonten in Rubel abgewickelt, die Sowjetunion zahlte also nicht in konvertiblen Devisen, sondern mit sowjetischen Waren, vor allem Rohstoffen. Der finnisch-sowjetische Handel ähnelte somit sowohl strukturell als auch von seiner technischen Abwicklung her dem Handel der Sowjetunion mit den kleineren osteuropäischen „Satellitenstaaten“ wie der DDR oder Polen. Dennoch lag in dem scheinbar stabilen und für alle Seiten nützlichen finnisch-sowjetischen Handel der Schlüssel dafür, dass die internationale Werftenkrise Finnland erst mit deutlicher Verzögerung traf.

Kapitel 5 schließt hieran an und wirft ein Schlaglicht auf technologische Kooperationsprojekte zwischen Finnland und der Sowjetunion im Bereich des zivilen Schiffbaus. Kapitel 6 fragt nach dem Verhältnis von Akteuren aus dem Werftmanagement und Politikern im Untersuchungszeitraum und stellt für die späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre einen Wandel fest, weg von einem Festhalten an maximaler Beschäftigung in den Werften und hin zu verstärkter Rationalisierung der Industrie und einem Aufrechterhalten der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Das letzte empirische Kapitel konzentriert sich auf die aktive Hilfe des Staates bei der Entwicklung der Werftindustrie und die Rolle von staatlichen Subventionen im Vergleich zu westeuropäischen Ländern. Die Autorin stellt hierbei einen graduellen Anpassungsprozess an westeuropäische Akteure fest.

Es handelt sich bei dem vorliegenden Buch um ein solide gearbeitetes Werk, das einen wertvollen Beitrag zur finnischen Wirtschaftsgeschichte im Kalten Krieg darstellt. Um es als herausragend bezeichnen zu können, fehlt jedoch eine wichtige Analyseebene: Das Buch kommt gänzlich ohne sowjetisches Quellenmaterial aus. Auch fehlt ein Bezug auf die maritime Industrie anderer neutraler Länder im Kalten Krieg wie Jugoslawien. Dies wäre auch über Sekundärliteratur wie die Veröffentlichungen entsprechender Forschungsprojekte am Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS) Regensburg und der Universität Wien möglich gewesen.2 Die Sowjetunion hat einen bedeutenden Teil ihres Bedarfs an zivil nutzbaren Schiffen aus dem Ausland bezogen, vor allem aus den staatssozialistischen Ländern im östlichen Europa. Spannend wäre daher beispielsweise zu fragen, welche Rolle Finnland genau aus sowjetischer Sicht in dieser Arbeitsteilung einnahm, sowie darüber hinaus, warum in Finnland der Aufbau einer international wettbewerbsfähigen Schiffbauindustrie durch den Handel mit der Sowjetunion gelang, auf der anderen Seite der Ostsee – in Polen und der DDR – jedoch nicht. Trotz dieser Einschränkungen, die als Anregungen für zukünftige Forschung zu verstehen sind, handelt es sich bei der vorliegenden Arbeit um eine gelungene Dissertation.

Anmerkungen:
1 Siehe u.a. Antero Holmila / Pertti Ahonen, The Good, the Bad and the Ugly. The Many Faces of Finlandization and Some Potential Lessons for Ukraine, in: Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History 19 (2022), S. 560–577, https://zeithistorische-forschungen.de/3-2022/6086 (22.11.2023); Seppo Häntilä, Wie finnlandisiert war Finnland eigentlich? Überlegungen zur finnischen Nachkriegsgeschichte, in: Michael Jonas / Ulrich Lappenküper / Oliver von Wrochem (Hrsg.), Dynamiken der Gewalt. Krieg im Spannungsfeld von Politik, Ideologie und Gesellschaft, Paderborn 2025, S. 79–89, https://doi.org/10.30965/9783657779390_007 (22.11.2023); Tuomas Forsberg / Matti Pesu, The “Finlandisation” of Finland. The Ideal Type, the Historical Model, and the Lessons Learnt, in: Diplomacy & Statecraft 27 (2016), S. 473–495, https://doi.org/10.1080/09592296.2016.1196069 (22.11.2023).
2 Hierzu ist insbesondere das von 2016 bis 2021 geförderte Verbundprojekt „Transformations from Below. Shipyards and Labor Relations in the Uljanik (Croatia) and Gdynia (Poland) Shipyards since the 1980s” am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien in Kooperation mit dem IOS Regensburg zu nennen.